Einblicke in das Leben in der DDR und die Zeit des Kalten Krieges

Am 18. Februar 2025 hatte der Geschichtsleistungskurs von Herrn Lesser die besondere Gelegenheit, einen Zeitzeugen aus der DDR, Michael Verleih, zu begrüßen. In seinem eindrucksvollen Bericht schilderte er seine Erlebnisse in einem Staat, der von Kontrolle, Zensur und politischen Repression geprägt war. Michael Verleih, geboren in Berlin-Mitte, erzählte von den strengen Regeln des sozialistischen Systems, mit denen er bereits in der Schule konfrontiert wurde. Morgendliche Parolen wie „Für Frieden und Sozialismus – seid bereit!“ waren fester Bestandteil des Schulalltags. Auch die sogenannten Mappenkontrollen, bei denen Bücher und Schriften mit westlichem Einfluss als „Schmutzliteratur“ eingestuft wurden, waren üblich.

Bereits in der dritten Klasse mussten Schüler unterschreiben, dass sie kein Westfernsehen schauen oder westliche Radiosender hören würden. Doch Michael erlebte zu Hause das Gegenteil: Sein Vater hörte heimlich den westdeutschen Sender RIAS, was ihn als Kind zunächst empörte. Später übernahm er selbst diese heimliche Praxis und machte mit einem Tonbandgerät Aufnahmen von westlichen Nachrichten. Diese Erfahrungen förderten sein kritisches Denken, das ihm auf der erweiterten Oberschule bald zum Verhängnis wurde. Trotz der Herausforderungen schaffte er es, das Abitur zu machen – ein Erfolg, der von seinem Verhalten und seiner Sympathie zum Westen abhing. Ein Artikel über Lenin’s Buch „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ für die Schulwandzeitung führte zu einer öffentlichen Bloßstellung. Dennoch bestand er sein Abitur, sehr zum Missfallen des Direktors.

Nach seinem Schulabschluss studierte er Physik und arbeitete in einem Institut, das westliche Maschinen nachbaute. Doch sein kritischer Geist ließ ihn nicht los. In den 1980er Jahren wurde er verhaftet, nachdem die Stasi ein Manuskript gefunden hatte, in dem er das Ende der DDR voraussagte. Die Stasi leitete eine geheime Überwachung ein, bis er eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit festgenommen wurde – eine inszenierte Straßensperre verhinderte Zeugen. Nach der Verhaftung brachte die Stasi ihn in ein Untersuchungsgefängnis in Berlin. Die Verhöre dauerten bis zu zwölf Stunden, oft ohne Pause. Auch in der Zelle wurde psychischer Druck ausgeübt: Er hörte nachts Klopfgeräusche – eine verschlüsselte Kommunikation zwischen Gefangenen. Schlaf wurde systematisch verhindert, indem alle 20 Minuten das Licht an- und ausgeschaltet wurde oder die Wärter scheinbar zufällig gegen die Riegel der Metalltüren liefen.

Nach einiger Zeit wurde er in eine Zweimannzelle verlegt – mit einem sogenannten „Zellinformator“, einem Mithäftling, der mit der Stasi zusammenarbeitete. Nach sechs Monaten wurde er schließlich vor Gericht gestellt. Gefesselt in einer Knebelkette wurde er ins Gericht geführt. Das Urteil: vier Jahre Haft. Nach der Verurteilung kam er in das Zuchthaus Brandenburg, in eine Acht-Mann-Zelle mit dreistöckigen Betten. Der Alltag war geprägt von Zwangsarbeit, Isolation und Angst. Insgesamt verbrachte Herr Verleih knapp zwei Jahre im Gefängnis, bevor er vom Westen freigekauft wurde.

Die Erzählungen von Michael Verleih gaben uns einen bewegenden und erschütternden Einblick in das Leben in der DDR und verdeutlichten, wie wichtig Meinungsfreiheit und Demokratie sind – Werte, die heute oft als selbstverständlich angesehen werden.

Einen weiteren spannenden Einblick in die Geschichte erhielten wir am 6. Februar 2025 bei ihrem Besuch des „Bunkers am Donnerskopf“ bei Butzbach. Der in den 1960er Jahren erbaute Bunker diente während des Kalten Krieges als Einrichtung des Zivilwarndienstes. Als sogenanntes Warnamt VI gehörte er zu insgesamt zehn Warnämtern in der Bundesrepublik. Im Falle eines atomaren, chemischen oder biologischen Angriffs hätten von dort aus die Sirenen in ganz Hessen ausgelöst werden können, um eine möglichst schnelle Evakuierung der Bevölkerung zu gewährleisten. Zudem wurden Messungen der Umwelt-Radioaktivität für das ganze Bundesland durchgeführt.

Bei der Führung durch den Bunker wurden die Sandfilter gezeigt, die verhindern sollten, dass verunreinigte Luft in den Bunker gelangte. Die Lebensverhältnisse der „Bunkerbesatzung“ waren jedoch alles andere als angenehm. Jeglicher Kontakt zu den Familien war untersagt, und die Versorgung war auf das Nötigste beschränkt. Wir erfuhren auch, dass im Ernstfall die wichtigsten Verwaltungsaufgaben der Bundesrepublik Deutschland von dort aus weitergeführt werden konnten.

Die Bunkerführung war sehr informativ und bot einen guten Einblick in die Zeit des Kalten Krieges und die unmittelbare Gefahr eines möglichen atomaren Angriffs. Die „Bunkerbesatzung“ gab einen großen Teil ihres Lebens auf, um sich in einer nationalen und internationalen Zeit der Unruhe und Spannung für das Allgemeinwohl der Bevölkerung einzusetzen. Auch wenn es nie zu einer atomaren Krise kam, sollte die körperliche und vor allem psychische Belastung der Bürger und besonders der Arbeiter im Bunker nicht unterschätzt, sondern rückblickend gewürdigt werden.

Der Besuch von Michael Verleih und die Führung im Bunker am Donnerskopf waren prägende Erlebnisse für den Geschichtsleistungskurs. Sie boten nicht nur einen tiefen Einblick in die Geschichte der DDR und des Kalten Krieges, sondern regten auch zum Nachdenken über die Bedeutung von Freiheit und Sicherheit in der heutigen Zeit an. Solche Aktivitäten sind ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts und tragen dazu bei, das Bewusstsein für historische Zusammenhänge und die Bedeutung von Demokratie zu schärfen.

Zur Vertiefung:

https://www.zeitzeugen-portal.de/personen/zeitzeuge/michael_verleih

https://donnerskopf.de/moeglichkeiten/bunkerfuehrung

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